„Fühlen“ Fische Schmerzen?

Diese Frage zu beantworten, haben sich schon viele Leute vorgenommen und sind dabei zu teils sehr unterschiedlichen Ergebnissen gekommen.

Worin liegen die Ursachen für die unterschiedlichen Forschungsergebnisse, auf die man bei der Suche nach verlässlichen Informationen stößt?

Dazu sollte man vielleicht erstmal klären, wie Forschung bestenfalls ablaufen sollte. Zunächst mal findet stets ein Wechselspiel zwischen Experiment und Theorie statt.

Beispiel: (Experiment und Beobachtung) Sie beobachten eine Ameisenstraße, die sich ihren Weg quer durchs Haus bahnt. Sie nehmen etwas Zucker und häufen diesen draußen im Garten auf. Anschließend schaufeln Sie einige Ameisen auf und setzen sie direkt auf den Zuckerhaufen im Garten. Sie werden anschließend beobachten, wie die ausgesetzten Ameisen scheinbar orientierungslos umherirren. Irgendwann trifft eine der Ameisen wieder auf die Ameisenstraße woraufhin einige der Ameisen versuchen den Weg aus der die „geschaufelte“ Ameise kam zurückzuverfolgen. Dabei stellen sie sich anfangs recht ungeschickt an, bis ein-zwei weitere Ameisen vom Zuckerberg zurück zur Ameisenstraße gefunden haben. Ab jetzt finden immer mehr Ameisen immer zielstrebiger den Weg der zuvor „geschaufelten“ Ameisen bis hin zum Zuckerberg. (Aus „Sie belieben wohl zu scherzen, Mr. Feynman“)

(Theorie) Sie stellen die Theorie auf, daß die Ameisen irgendwie miteinander kommunizieren müssen. Vielleicht kommen Sie zunächst auf die Idee, die Ameisen täten es auf die gleiche Art wie wir Menschen, also durch „Sprechen“.

Nach Karl Popper (Falsifikationismus) muß diese Theorie nun einer strengen Prüfung (Experiment) unterzogen werden. Sollte sie dem Experiment nicht standhalten, ist die Theorie dadurch falsifiziert und muß gegebenenfalls angepasst werden oder wenn man völlig daneben gelegen hat eventuell ganz verworfen werden. Bei den Ameisen kam man auf diesem Wege zu der Erkenntnis, daß diese über Duftstoffe miteinander kommunizieren, was übrigens auch den sogenannten „random walk“ erklärt.

Zurück zu den Fischen. Ein internationales Forscherteam unter Beteiligung des deutschen „Angelprofessors“ Robert Arlinghaus [1] stellt die Behauptung auf, daß es bislang keine Belege dafür gibt, daß Fische Schmerzen im „menschlichen Sinne“ verspüren können. Dazu hat die Forschergruppe die wichtigsten Forschungsergebnisse zum Thema etwas genauer unter die Lupe genommen und dabei teils gravierende Mängel bei den Methoden bzw. den Argumentationen festgestellt.

Damit ist gemeint, daß in den Forschungen schlichtweg das Falsifikationsprinzip nicht richtig zur Anwendung kam. Soetwas passiert vor allem dann, wenn man bereits vor der eigentlichen Forschungsarbeit ein Ergebnis im Blick hat, man also gar kein Interesse an einer Falsifikation seiner Theorie hat. Man spricht hier von einem sogenannten Bias. So wirklich freisprechen von diesem kleinen Egoproblemchen kann sich natürlich kaum einer. Wer würde sich zum Beispiel noch die Mühe einer Falsifikation machen, wenn ich beispielsweise behauptete, in langjährigen Studien eine Steigerung der Libido durch allabentlichen Konsum eines kühlen Bierchens bewiesen zu haben!? Sowas hinterfragt einfach „niemand“.

Wo liegen also die Fehler oder besser, was wird von den Forschern an den Studien, die den Fischen ein Schmerzempfinden zuschreiben, kritisiert?

  1. Zunächst mal fehlt den Fischen schlichtweg der Teil des Gehirns, der für die Wahrnehmung von Schmerzen (bei uns Menschen) zuständig ist. Jetzt kann man natürlich entgegnen, es könne ja bei den Fischen ein völlig anderer Teil des Gehirns für das Schmerzempfinden zuständig sein, als dies beim Menschen der Fall ist. Das Problem bei dieser Argumentation ist allerdings folgendes. Es entzieht sich schlichtweg einer sinnvollen Überprüfbarkeit. Oder vielleicht doch nicht? Nunja, es gibt tatsächlich eine Studie [3], die zumindest einen weiteren Hinweis zu geben vermag. Man hat nämlich eine interessante Feststellung bei Epilepsiepatienten gemacht, denen operativ ein Teil des Neocortex entfernt wurde. Diese Patienten konnten danach allem Anschein nach immer noch Schmerzen empfinden. Was natürlich darauf hinweist, daß der Neocortex als Argument nicht wirklich stichhaltig ist.
  2. Der zweite Kritikpunkt lautet, Verhaltensreaktionen von Fischen auf vermeintlich schmerzende Reize wurden nach menschlichen Maßstäben bewertet und dadurch fehlinterpretiert.
    Wie ist das denn beim Menschen? Schmerz gilt als eine spezifische subjektive Sinnesempfindung, die durch unterschiedliche physische und psychische Faktoren beeinflußt wird. So kann beispielsweise die Angst vor einem Zahnarzt das subjektive Schmerzempfinden beim „Bohren“ deutlich erhöhen.
    Bei Menschen verursacht Schmerz oder teilweise schon die Erwartung von Schmerz häufig eine Vermeidungsstrategie. Das kann z.B. die Flucht bedeuten, falls einem auf der Rigaer-Straße ein paar „Aktivisten“ entgegenkommen oder einfach nur die Absage des nächsten Zahnarzttermins. Bei Eintritt eines Schmerzreizes also falls man sich z.B. versehentlich selber einen Haken gesetzt hat und der Kollege überzeugt ist einen dicken Brocken zu landen, ist die Reaktion meist diejenige, dem Schnurzug zu folgen um den Schmerz zu minimieren.
    Bei Fischen findet man teils ähnliche, teils aber auch völlig andere Verhaltensweisen. So zerrt der Fisch in aller Regel am Haken, statt dem Zug nachzugeben, wie es Menschen, Rinder, (für Katzen finde ich das später noch heraus), etc. machen.
    Man muß also zunächst mal davon ausgehen, daß Fische Schmerzen mindestens „anders“ wahrnehmen als Menschen.

Nach meinem persönlichem Empfinden muß man zu dem Schluß kommen, daß man nicht gänzlich ausschließen kann, daß auch Fische eine Form des Leidens verspüren können. Natürlich ist es denkbar, daß Fische rein instinktgesteuerte Wesen sind, die lediglich auf Nozizeption reagieren. Es ist aber genauso denkbar, daß Fische eine eigene Form des Schmerzempfindens besitzen, auch wenn diese nicht unbedingt mit unserer menschlichen Wahrnehmung von Leid übereinstimmen muß.

Solange wir nicht wirklich sicher sein können, ob Fische Leid durch Schmerzen verspüren, sollten wir erstmal davon ausgehen, daß Fischen diese Fähigkeit auf eine, wenn zunächst auch abstrakte, uns unbekannte Art möglich ist.
Für uns als Fliegenfischer bedeutet dies eine Pflicht zu einem respektvollen Umgang mit dem Tier. Ich halte entsprechend wenig davon, mit der Absicht eines reinen „Catch & Release“-Abenteuers ans Wasser zu gehen und seine eigene Unwissenheit als Ausrede für ein möglicherweise falsches Verhalten vorzuschieben.
Ich halte umgekehrt aber auch nichts davon zu übermoralisieren! Wer auf Barsch angelt, dummerweise aber einen Meterhecht aus dem Wasser zieht und diesen nicht verwerten kann oder aus biologischen Gründen (z.B. gute Gene) nicht verwerten möchte, soll ihn halt wieder freilassen. Und wenn der Kollege mal eben schnell ein Foto davon macht, finde ich das auch in Ordnung. Von ewig langen Fotosessions, oder gar das Anbinden über Nacht, damit der Fisch bei Sonnenaufgang aufs Foto kann, wie es einige Welsangler praktizieren, halte ich aber nichts. Bei letzteren keimen bei mir sogar Phantasien der Selbstjustiz auf.

Literatur

  1. Can fish really feel pain? / Rose, J. D.; Arlinghaus, R.; Cooke, Steven J.; Diggles, B. K.; Sawynok, W.; Stevens, E. D.; Wynne, Clive. (2012).
    Fish and Fisheries, Vol. 15, No. 1, 03.2014, p. 97-133.
  2. Do fishes have nociceptors? Evidence for the evolution of a vertebrate sensory system. Sneddon, L. U., Braithwaite, V. A., & Gentle, M. J. (2003). Proceedings. Biological sciences270(1520), p. 1115–1121.
  3. Consciousness without a cerebral cortex: A challenge for neuroscience and medicine. Bjorn Merker (2006), Behavioral and Brain Sciences – Cambridge University Press

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