Fachzeitschriften, Profis und Erfahrung

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht aber ich habe vor einiger Zeit meine Zeitschriftenabos nach und nach gekündigt. Teilweise hatte ich eher das Gefühl ein Fachblatt für Astrologie statt eines Angelmagazins in den Händen zu halten.

Ich hatte immer häufiger den Eindruck, die Autoren saugten sich Artikel einfach aus den Fingern um irgendwie die Zeitung zu füllen. Das nahm zum Zeitpunkt meines persönlichen Ausstiegs bereits abstruse Züge an. Da wurde z.B. behauptet, daß an manch’ heiklen Tagen der Knoten zwischen Vorfach und Wirbel einen „entscheidenden“ Einfluß auf den Fangerfolg haben könne. Natürlich kam diese Erkenntnis nicht vom Franz, der seit den 1930ern im Fluß steht sondern von irgendeinem der „Profis“, die scheinbar wie Fliegenpilze aus dem Boden schießen.

Aber nochmal zum Knoten. Also, wie kommt man auf so einen Schwachsinn? Meines Erachtens müsste man für eine Erkenntnis, die man sozusagen unter dem Namen „Profi“ mit der Welt teilt zumindest einen Nachweis erbringen können, oder liege ich da falsch?

Hakt man bei solchen Aussagen mal nach, kommt meist das Argument der Erfahrung, womit sich der „Profi“ offenbar im Glanzlicht einer tiefergehenden Erkenntnisstufe zu sehen scheint.

OK, was heißt Erfahrung? Um das für mich zu beantworten, stelle ich einfach mal folgende Überlegung an:

So’n richtiger Pro geht nachdem, was die Leute so sagen ca. 300 Tage im Jahr ans Wasser. Der Pro ist zudem etwas härter als der Durchschnitt von uns, was bedeutet, er bricht nicht nach zwei-drei Stunden das Vergnügen ab sondern ist geschätzte fünf Stunden am Wasser. Das sind im Jahr also 1500 Stunden. Jetzt ist es natürlich so, daß man nicht an jedem Gewässer gleich gut fängt und wenn man sich auf youtube z.B. mal die „Profi“-Liga anschaut, fangen die im Schnitt auch nicht viel mehr als sagen wir mal der ambitionierte Hobbyangler. Also sagen wir mal zwei Stück pro Stunde, das wären also 3000 Fische pro Jahr.

Gut, über ein paar Jahre gerechnet kommt da einiges an Fischen zusammen. Aber was haben wir an Einflüssen, von denen in den Zeitschriften immer die Rede ist? Da hätten wir die Mondphasen, die Temperatur, den Luftdruck, den Pegel, die Bodennähe, die Sichtigkeit im Wasser, den Köder, die Vorfachdicke, die Stärke des Schnurgeräusches in den Ringen, u.v.m.!

Auswertungstechnisch betrachtet müsste man auf alle diese Einflüsse sogenannte Schnitte an den Daten vornehmen. Also zum Beispiel einen Schnitt auf den Zeitraum „Eine Stunde nach Sonnenaufgang“. Dadurch hat man dann einen Einfluß, im Beispiel die Tageszeit eingeschränkt und kann davon ausgehen, daß der ausgeschnittene Datenbestand sich nur noch in anderen Einflußfaktoren unterscheidet.

Jeder Schnitt reduziert die vorhandene Datenbasis in der Regel ziemlich stark. Wenn man nicht gerade konsequenter Frühaufsteher ist, bleibt bei meinem Beispielschnitt nicht viel Datenmaterial übrig. Machen wir den nächsten Schnitt. Ich betrachte nun nur noch die Tage, an denen die „Wassertemperatur zwischen 10°C und 15°C“ liegt. Ich hoffe, wir sind uns auch mit unserer Nicht-Pro-Erfahrung darüber einig, daß die bisherigen Schnitte mehr Einfluß auf das Fischverhalten haben als die Form des Knotens oder die Hakenfarbe. Aber zurück zu unseren Daten. Angenommen es hätte irgendjemand ein Fangbuch mit 50.000 Einträgen (ich kenne niemanden, der so eines hat, wäre aber wirklich sehr an solchen Daten interessiert), dann blieben nach dem ersten Schnitt vielleicht 5000 Einträge und nach dem zweiten Schnitt noch 500 Einträge übrig. OK, was könnte noch wichtiger als ein Knoten sein? Der Pegelstand. Also noch ein Schnitt, verbleiben 350 Einträge, weil hier der Normalpegel ausgewählt wurde. Weiter gehts, Frühjahr oder Herbst? Bleiben 100 Einträge Wie geht’s weiter? Der Köder vielleicht!? Gut, der nächste Schnitt: „Goldkopfnymphe”, die wird vielleicht häufiger genutzt, bleiben 70 Einträge übrig. Machen wir weiter: “Hakengröße 14-16”. Bleiben 30 Einträge und weiter: „Köderfarbe weiß bis beige“, bleiben wohlwollend 10 Einträge und sicher noch einige weitere durchaus sinnvollere Schnitte als die Knotenform übrig!

Wenn mir also einer mit so’nem Mist kommt, er könne seinen Fangerfolg anhand der Form (nicht die Festigkeit) seines Vorfachknotens beeinflussen, würde ich ihm einen Sockenschuß oder eine Hybris diagnostizieren.

Last but not least: Ins Fangbuch gehören meiner Ansicht nach auch die Zeiten, in denen nichts lief.

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