Der Distanzwurf beim Fliegenfischen

Ein leidiges Thema beim Fliegenfischen ist der Distanzwurf. Während man sich bei anderen Themen gewiß sein kann, daß irgendwann jemand anfängt von Nazis zu faseln, kann man sich beim Thema Distanzwurf darauf verlassen, daß irgendwann jemand behauptet: „Ich fang’ meine Fische immer direkt vor meinen Füßen – mimimi mimi“. Eigentlich möchte man derartigen Unsinn am Liebsten mit: „Heul’ leise Chantalle“ kommentieren aber das führt ja in beiden Fällen zu nichts.

Wozu sollte man überhaupt seine Schnur bis ins Backing rausfeuern wollen?

Es gibt durchaus vernünftige Gründe ordentlich Schnur rauszuhauen!

  1. Für weite Würfe ist eine bessere Technik nötig als für kurze Würfe. Wer also 30m weit werfen kann, beherrscht ganz einfach die Technik besser als jemand, der „nur“ 20m weit werfen kann. Eine gute Technik ist aber nicht nur beim Distanzwurf nützlich, sondern bei jedem Wurf.
  2. Es macht einfach richtig Spaß.

Der eigentlich entscheidende Punkt ist der zweite!

Weiter werfen – nur wie!?

Zunächst mal eine Klarstellung. Mit einer 5er oder 6er Ruten-Schnur-Kombi sind 30m schon verdammt viel und die wirft man nicht innerhalb von ein paar Wochen Training. Wer behauptet, 30m mit einem 6er Gerät wären „problemlos“ machbar, hat entweder sein jahrelanges Training vergessen oder schlicht noch nie nachgemessen.

Im Wettkampfbereich werden manchmal tatsächlich noch größere Weiten erzielt, die Zusammensetzung des Materials hat allerdings nicht mehr viel mit Fliegenfischen zu tun. Ich kenne zumindest niemanden, der eine 5er Schnur mit 25m langer Keule und Bonefish-Vorfach an einer 10er Rute fischt.

Um auf größere Distanzen zu kommen, kommen zu den bisherigen Grundlagen noch ein paar Kleinigkeiten hinzu, die es zu verstehen und zu trainieren gilt.

Machen wir eine kleine Vorüberlegung: Ich denke, ist es nachvollziehbar, daß bei zwei Würfen mit gleicher Schnurgeschwindigkeit und vergleichbarer Schlaufenbildung derjenige Wurf weiter reicht, bei dem von vorne herein mehr Schnur in der Luft gehalten wurde!?

Vereinfacht kann man sagen, daß man für einen weiteren Wurf mehr Schnur kontrollieren muß.

Das Kontrollieren ist hier jedoch ein ganz entscheidender Punkt. Es bringt nämlich nichts, wenn man 15m Schnur völlig unkontrolliert und nur mit großem Kraftaufwand in der Luft halten kann. In diesem Fall werden die Schlaufen riesengroß oder anderweitig ungünstig geformt werden. Versucht man nun diese schlecht kontrollierte Schnur schießen zu lassen, dann werden mit Glück 2 – 3m Schnur nachgezogen und man hat – eine einigermaßen gut gestreckte Schnur vorausgesetzt – vielleicht 15 – 20m geschafft.

Bleiben wir bei dem Beispiel und konzentrieren uns darauf, statt der 15m unkontrolliert, lieber 12m entspannt und mit guter Schlaufenkontrolle in der Luft zu halten. Aus der Rutenhand wird sämtliche überflüssige Kraft genommen, stattdessen sorgt die Schnurhand für die nötige Schnurgeschwindigkeit.

Wir beobachten sowohl den Vor- als auch den Rückwurf. Sobald wir das Gefühl haben, einen möglichst sauberen Rückwurf zu machen, lassen wir etwa 4-5m Schnur nach hinten schießen.

Mit der Rutenspitze folgen wir der Bewegung der Schnur ein Stück weit nach hinten (Drift), bis der Arm vollständig gestreckt ist. Durch das Mehr an Schnur benötigt das Ausrollen nun etwas länger und die Schnur fällt dadurch etwas tiefer ab. Hierdurch verändert sich die vorgegebene Richtung der einzuhaltenden Geraden beim Vorwärtswurf ganz leicht nach oben. Sobald die Schnur vollständig ausgerollt ist, starten wir unseren Vorwärtswurf und müssen ihn zur Einhaltung der Geraden etwas früher stoppen, wir schießen unseren finalen Wurf also etwas (minimal) nach oben ab. Das frühere Stoppen verkürzt übrigens dank der vorherigen Drift unseren Wurfweg nicht.

Dank der besseren Kontrolle und damit effizienteren Schlaufen werden bei diesem Versuch nicht mehr nur 3m Schnur nachgezogen sondern bei entsprechend guter Technik 8-10m. Insgesamt kommt man bei dieser Beispielbetrachtung bereits auf ganz beachtliche Weiten von über 25m.

Kontrolle und gute Technik sind das A und O

Versuchen Sie soviel Schnur in der Luft zu halten, wie Sie gut und bequem – also nahezu ohne Kraftaufwand – in der Luft halten können. Dann versuchen Sie sich folgenden Ablauf einzuprägen:

  1. Beobachten der Schlaufenbildung während des Vor- und Rückwurfes (gilt nicht mehr unbedingt beim Castingsport).
  2. Eine „schöne“ Schlaufe nach hinten abpassen und etwas Schnur nach hinten schießen lassen.
  3. Mit der Rutenspitze nachdriften. Hierdurch wird u.a. der frühere Stop beim Vorwärtswurf ausgeglichen.
  4. Die Rute progressiv nach vorne beschleunigen und die Schnur leicht nach oben abschießen.
  5. Nicht dem Verlangen nachgeben und den letzten Vorwärtswurf überpowern!!!

Wichtig: Die notwendige Energie wird nicht durch zusätzliche Kraft der Rutenhand auf die Schnur übertragen, sondern durch einen gut ausgeführten Doppelzug. Eine vertikale Wurfebene ermöglicht einen größeren Abstand zum Boden und gibt der Schnur somit mehr Zeit zum Ausrollen.

Einfluß unterschiedlicher Keulenlängen

Keulenschnüre unterscheiden sich primär in ihrem Profil und ihrer Länge. Je mehr Schnur man in der Luft hält, desto genauer muß der Bewegungsablauf einstudiert sein. Somit ist eine kurze Keule zunächst mal leichter in der Luft zu halten als eine lange Keule.

Oftmals kommt zur eigentlichen Keule noch eine kurze Handling Line von ca. 1 – 2m hinzu. Dieser Übergang zur dünnen Running Line läßt sich, eine gute Technik vorausgesetzt, immer noch recht gut kontrollieren.

Die in der Luft gehaltene Schnurlänge hat wie bereits erwähnt einen großen Einfluß auf den Distanzwurf. Bei einer Schnur, wie z.B.: der Guideline Tactical mit einer Keulenlänge von knapp über 9m plus etwas Handling Line, lassen sich also etwa 11 – 12m Schnur sehr bequem in der Luft halten. Beim letzten Rückwurf kommen ca. 5m und beim Abschuß nach vorne nochmals ca. 8m hinzu. In Summe schafft man hier problemlos (etwas Übung ist natürlich nötig) 25m. Schafft man statt der 11 – 12m Schnur gar 13 – 14m Schnur gut zu kontrollieren, kommt man bis ins Backing. Für diese Schnurmenge muß man allerdings neben Keule und Handling Line bereits etwas von der dünnen Running Line in der Luft halten. Die Kraftübertragung von der dünnen Running Line zur Keule funktioniert jedoch physikalisch schlechter als andersrum. Je größer dieser sogenannte Überhang (Schnurmenge zusätzlich zur Keule) ist, desto schwerer ist es die Schnur zu kontrollieren.

Die Guideline Experience hat eine Keulenlänge von ca. 14m, so daß sich mit dieser Schnur (Übung vorausgesetzt) auch 16 – 18m Schnur sauber in der Luft halten lassen. Würfe von 30m und mehr sind mit dieser Schnur also durchaus machbar. Wie oben bereits angedeutet sind für solche Weiten aber mehr als nur ein paar Wochen Training notwendig. Der folgende Graph zeigt eine grobe Einschätzung der Trainingsstunden, die für ein entsprechendes werferisches Können nötig sind. Gerade am Anfang ist die Lernkurve sehr steil – als Anfänger lohnt es sich also, ab und an auf die Wiese zu gehen.

Schnüre mit längerer Keule sind rein physikalisch gesehen besser geeignet, wenn es darum geht, viel Schnur in der Luft zu halten. Ist die Keule allerdings länger als die Schnurlänge, die man kontrollieren kann, profitiert man nicht von der zusätzlichen Stabilität, die eine längere Keule theoretisch zu bieten hat. Nehmen wir als Beispiel die typische Wettkampfschnur “Scientific Anglers – Mastery Expert Distance“, mit einer irrsinnigen Keulenlänge von über 25m. Wenn man lediglich in der Lage ist, 12m Schnur kontrolliert in der Luft zu halten, beim finalen Rückwurf 5m nach hinten schießen läßt, dann muß beim Vorwärtswurf zunächst mal weitere Keulenschnur durch die Ringe gezogen werden, was aufgrund der höheren Masse und des dickeren Schnurprofils schwerer ist als wenn nur Running Line gezogen werden müsste. Die Schnur ist wirklich großartig zum Üben, ihr volles Potential kann sie allerdings nur bei Leuten ausspielen, die mindestens 25m Schnur kontrolliert in der Luft halten können (ich kann es nicht).

Ein paar letzte Worte zum Thema

Beim Üben kommt es durchaus vor, daß sich gute und schlechte Ergebnisse abwechseln. Dafür kann es mehrere Gründe geben.

Beim Schießen lassen der Schnur im letzten Rückwurf gelingt es nicht immer, die perfekte Menge Schnur freizugeben. Ist es zu wenig, wird das Schlaufenbild zwar gut aussehen aber es fehlt dann einfach an der Zugmasse für den finalen Abschuß. Wenn man zuviel Schnur nach hinten freigibt, ist die Rute eventuell mit der Masse überfordert und beim Vorwärtswurf wird nicht genug Energie auf die Schnur übertragen, diese fällt dann in sich zusammen. An die richtige Menge muß man sich ganz einfach herantasten. Wenn man die Möglichkeit hat, sollte man auch verschiedene Ruten-Schnur-Kombinationen ausprobieren. Also ruhig mal eine 5er Schnur auf einer 8er Rute und umgekehrt.

Ein weiterer Grund ist nachlassende Konzentration und Muskelermüdung. Für einen guten Wurf werden über die Beine bis hin zu den Fingerspitzen eine Menge Muskeln und Gelenke einbezogen. Dabei ermüden die kleinsten Körperteile – bei mir sind das die Finger – am schnellsten. Deswegen ist es wichtig, nach drei bis fünf Distanzwürfen eine kurze Pause einzulegen.

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